Brief vom 14. Februar 1755, von Sulzer, J. G. an Bodmer, J. J.

Ort: Berlin
Datum: 14. Februar 1755

Werthester Herr und Freünd.

Wenn das Gerücht Sie von meiner Krankheit berichtet, so sollen Sie jezo von meiner, obgleich noch zitternden Hand meine Genesung erfahren. Ich habe den Tod ganz in der Nähe gesehen. Ihre Schrifften sind keine von den geringsten Ursachen, die mir diesen Fürsten des Schrekens gar nicht als einen zu fürchtenden Feind, sondern als einen Freünd vorgestellt haben. Es ist nun schon die 9te Woche seit dem Anfall meiner Krankheit, aber ich bin ungeachtet der völlig erlangten Gesundheit noch zu schwach viel zuschreiben. Eine Nachricht muß ich Ihnen nicht verschweigen; Meine Liebe Willhelmine ist eben zu der Zeit, da sie mich dem Tod entgegen gehen sah von einem Töchterchen entbunden worden. Gott hat ihr viel Standhaftigkeit gegeben so vielen Anfällen nicht zu unterliegen. Sie befindet sich wieder wol. Ich habe dem Nahmen nach eine 2te Mine und mein größter Wunsch ist, daß sie es auch in der That werde um meinen noch frischen Kummer über jener Verlust zu lindern. Geben Sie mir doch bald Nachricht von ihrem Wolbefinden. Ich grüße Hrn. Wieland und andre Freünde. Meine Krankheit hat mich gehindert auf die N. Jahr Meße Gelegenheit zu suchen Ihnen meine Gedanken über ihre epischen Gedichte, die die Preße verlaßen haben zu zuschiken. Es soll auf Ostern geschen. Es sind wenig Seiten, aber einige wichtige Wahrheiten darin. Ich habe mich aber blos bey dem Moralischen guten dieser Gedichte aufgehalten. Adieu

Sulzer

den 14 Febr. 55

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 5a. – Körte 1804, S. 235–237.

Stellenkommentar

von meiner Krankheit
Gleim berichtete an Ramler am 9. Februar 1755: »Unsers Sulzers Fieber ist vorüber, er schleicht schon in seinem Zimmer herum, und ißt und trinckt wie ein kranck gewesener. Seine Frau beßert sich noch langsamer, als er. [...] Hempel hat dem krancken Sulzer den Gefallen gethan seine Stube zu seiner Mahl-Stube zu machen, damit er einen Zeitvertreib hätte, wenn er ihn sähe Ochsen und Schafe und Bäume erschaffen.« (Schüddekopf (Hrsg.) Briefwechsel zwischen Gleim und Ramler 1906, Bd. 2, S. 181 f.).
einem Töchterchen
Die Tochter Henriette Wilhelmine (1755–1793).
geschen
»geschehen«, Verschreibung Sulzers.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann