Brief vom 4. Mai 1749, von Sulzer, J. G. an Bodmer, J. J.

Ort: Berlin
Datum: 4. Mai 1749

Mein Herr und werthester Freünd.

Ich habe diejenigen Sachen, die Sie mir durch den jungen Herrn Geßner zuschiken die Gütigkeit gehabt richtig erhalten. Hingegen kann ich nicht erfahren wo das Päkgen geblieben, darin der Misantrope und einige andre Stüke befindlich waren. Der Hr. Schultheß hat mir geschrieben, daß sie an einen gewißen Kauffman hier wären geschikt worden; dieser aber will nichts davon wißen. Es ist sehr verdrießlich, daß die Botschafften so unrichtig gehen. Es wäre am besten, daß alles, was meine Freünde an mich zuschiken haben durch die Meßkauffleüte an Hrn. Kitt nach Leipzig bestellt würden. Denn dieser ist genau in seinen Sachen und weiß mich immer zu finden. Nun komme ich auf ihr Schreiben selbst.

Ihre Sorge für den Cimon dünkt mich wolgegründet. Ich habe ihn Hrn. Sukro nur deßwegen gegeben, weil ich dachte, daß zu viel nicht schadet, und daß, wenn etliche diese Arbeit unternommen hätten man aus allem das beste heraussuchen könnte. Allein sein Druide und andre Arbeiten beschäfftigen ihn so sehr, daß er den Cimon noch lange nicht zustande bringen wird. Wie wäre es, wenn man ihn in Prosa ausarbeitete? Alsdenn kann er diesen Sommer fertig werden. Hr. Gleim dünkt mich in dieser Materie den rechten Geschmak zu haben, und unter seiner Direction könnte ihr Cimon nicht verdorben werden.

Sie werden mir erlauben, daß ich noch einige Zusäze zu dem Pygmalion mache. Die Hauptsache scheinet mir unverbeßerlich seyn und ich möchte keine Sylbe wegnehmen noch eine hinzuthun. Nur den Reden des Pygmalions möchte ich hier und da einige Zusäze geben, der Anlas dünkt micht gar fürtrefflich ihn zu einem Lehrer zumachen. Die Stelle, da er von einem künfftigen Leben spricht ist unvergleichlich. Förchten sie aber nicht, daß ich einen Profeßor oder gar einen Schulmeister aus ihm machen wolle. Ich werde die Zusäze behutsam anbringen. Diesen Sommer soll er fertig werden. Ich werde in einigen Wochen mit Hrn. Hofprediger Sak auf ein Landgut gehen um daselbst zuzusehen, wie er und noch ein Freünd den Brunnen trinken. Weil ich alsdenn Ruhe haben werde, so habe diese Arbeit bis dorthin ausgesezt.

Ein Theil von Kleistens Landlust, wird unter dem Titel des Frühlings bald heraus kommen. Wir haben das Mst. schon hier, und ich habe ein paar Vignetten dazu bestellt, so bald diese werden fertig seyn, so wird man auch den Druk anfangen. Sie werden dieses Gedicht noch stark verbeßert finden, seit der Copie, die Hr. Dr. Hirzel nach der Schweiz gebracht hat. Es ist mir unbegreifflich warum Gleim mit Uzens Gedichten so lange zaudert. Er hat den Verfaßer 9 Monat lang ohne Antwort gelaßen, daß dieser gar nicht weis wo seine Gedichte hingekommen sind. Sollte man nicht denken er wäre auf einmal in 10 Mädchen verliebt? Wir treiben immer so sehr, daß er doch endlich wird aus seiner inaction kommen.

Der Hr. Sak ist Ihnen für die Ehrenerklärung sehr verbunden und läßt sie seiner Hochachtung versichern. Der Meßias hat ihn entzükt. Er konnte nicht ruhig 2 Zeilen nacheinander lesen hören. Er stuhnd auf und wollte mir das Buch aus der Hand reißen, um es selber zu lesen. Er hat dieses Gedicht hernach lange in der Tasche getragen und überall gewiesen, wo er hingekommen: Ein andrer Freünd, der zugegen war, da ich es zum ersten mal brachte, hatte die folgende Nacht einen außerordentlich poetischen Traum, der verdiente neben dem Meßias zu stehen. Was macht denn nun der ehrliche Klopstok? Wo hält er sich jezo auf. Ist seine Liebe noch nicht erfreülich?

Den Arboner Poeten kenne ich von Person nicht. Hr. Gleim aber hat, da er noch hier war Poetische Avanturen mit ihm gehabt. Er gleicht einem irrenden Ritter und muß in seiner Imagination den Hrn. Gleim, als einen großen Fürsten in dem Reich der Poesie angesehen haben. Da er ihn zum ersten mal sahe, kam er mit einem Gedicht in der Hand, und bat unterthänigst Hr. Gleim möchte die Gnade für ihn haben, daßelbe zu critisiren. pp.

Wenn ich auf den Artikel von Hrn. Langen komme, so könnte ich fast mit dem Tiberius sagen: Quid scribam vobis, aut quo modo scribam aut quid omnino non scribam hoc tempore, Dii, Deæque me perdant, si scio. Neülich schrieb mir Hr. Gleim also: „Hr. Lange tröstet sich über den verweigerten Beyfall von Hrn. Bodmer, wie ein wahrer elender Scribent”. Er scheinet in der That sich ordentlich vorgenommen zu haben diesen Titel zu verdienen. Was für ein sauberer Streich, den er mit den freündschafftlichen Liedern gemacht. Würde Gottsched eine schlechtere Vorrede schreiben? Er schreibt getrost seinen Geselligen weg und pocht auf die Menge der Theile. Er hat den Hrn. v. Kleist, Gleimen, Ramlern und mich um Beytrag gebeten. Da er aber von keinem erfolget, hat er neülich folgende Declaration an mich geschikt. Wir Declariren hiemit 1). daß der 1, 2 und 3 Theil des Geselligen, ohne ihren Beytrag fertig geworden und abgang finden. 2). Daß künfftig mit unserm Wißen von diesen Freünden kein Beytrag wird angenommen werden p.

Hr. Ramler hat gewiß ein poetisches Naturell. Ich kann aber selber nicht sagen, wie es kömmt, daß er so langsam ist. Er hat vor diesem eine Menge Gedichte gemacht, aber er weißt sie nicht. Er hat irgendwo gelesen, daß Horaz eine Ode Jahr und Tage in seiner Schreibtafel herumgetragen, ehe er sie gewiesen. Er ist ein ewiger ausbeßrer und siehet nichts für eine Kleinigkeit an. Ein Hiatus zweyer Vocalen ist berechtiget ihn eine ganze Strofe umzuschmelzen. [→] Il y a un grain de folie en cela, sonst aber hat er in der That ein unvergleichlich Natürell und den feinsten Geschmak. Er glaubt aber bisweilen, daß Tändeln für einen Poeten eine wichtige Beschäfftigung sey. Nauman aber ist ein Gottschedischer Kopf.

Ich habe ihrer Verlags Bücher wegen nach Leipzig geschrieben und erwarte alle Tage Antwort. Daselbst habe ich einen Bekannten, der Director der Weidemanischen Handlung ist und auf gute Gelegenheit wartet sich selbst zu etabliren. Wenn er das ganze Werk übernehmen will, so haben Sie einen Mann an ihm auf den sie sich verlaßen können, daß er hält was er verspricht. Er ist wenigstens der vernünfftigste Buchführer, den ich noch gesehen. Es ist eine wahre Schande für Hrn. Orell, daß seine Verlags Bücher so schwer in Deütschland zu haben sind. Wie ist es möglich daß solche Leüte Buchhandler seyn wollen.

Sie werden wol schon wißen, daß der berüchtigte Simonetti nun hier ist und eine Gelehrten Zeitung schreibet, darin er bey allen Gelegenheiten auf Hrn. Haller und denn bey dieser Gelegenheit auf alle Schweizerische Antigottsched. jämmerlich losziehet. Man siehet aber nichts als pure Boßheit in seinen Critiken und er verdienet wol eine Tracht prügel aber keine andre Antwort. Indeßen ist es ein neüer Held zu einer künfftigen Duncias.

Wenn ich Ihnen diesmal mit nichts neües aufwarten kann, so soll es die künfftige Meße desto reichlicher komen. Indeßen übersende den Druiden, damit sie sehen mögen wie Hr. Sukro und sein Bruder in Coburg moralisiren. Jener läßt sich Ihnen ergebenst empfehlen. Ich habe ihm ihr Compl. an Hrn. Damm aufgetragen, weil er sein College ist und ich ihn nicht kenne. Er schüttelte aber den Kopf gewalltig dabey.

Ich habe die Ehre zu verharren

MHhrn. und Fr.
ergebenster Dr
Sulzer.

Berl. den 4 May 49.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 5a. – E: Körte 1804, S. 104–107 (Auszug).

Einschluss und mit gleicher Sendung

Ein Exemplar der Zeitschrift Der Druide.

Vermerke und Zusätze

Vermerk Bodmers auf der letzten Seite: »Empfangen den 14. Jul. 1749«.

Eigenhändige Korrekturen

ihm ihr Compl.
ihm da ihr Compl.

Stellenkommentar

auf ein Landgut
Um welches Landgut es sich hierbei handelt, konnte nicht ermittelt werden. Eventuell ist es dieselbe Anlage, die Sulzer in einem später entstandenen Brief an seine Braut Wilhelmine Keusenhoff erwähnt: »Heute frühe habe ich Hrn. Sak besucht, der in einem Garten an der Spree, gegenüber dem obern Weidendamm den Brunnen trinkt.« (Sulzer an Wilhelmine Keusenhoff, Berlin, o. D., Freies Deutsches Hochstift, Hs 3071).
paar Vignetten dazu bestellt
Die 1749 erschienene Ausgabe von Ewald Christian von Kleists Frühling hat nur eine Vignette.
Gleim mit Uzens Gedichten so lange zaudert
Zur Verstimmung zwischen Gleim und Uz, die von 1749 bis 1751 andauerte, vgl. Schüddekopf (Hrsg.) Briefwechsel zwischen Gleim und Uz 1899, S. 211–220.
Arboner Poeten
Jakob Hermann Obereit.
mit dem Tiberius sagen
Suet. Tib. Zitat aus einem Schreiben des römischen Kaisers Tiberius an den Senat, das Sueton in seiner Tiberius-Biographie wiedergibt. Übers.: »Was ich euch schreiben soll, oder wie ich schreiben soll, oder was ich überall nicht schreiben soll in meiner jetzigen Lage, mögen alle Götter und Göttinnen mich noch ärger hinsterben lassen, als ich mich jetzt schon täglich hinsterben fühle, wenn ich es weiß!« (A. Stahr, Sueton's Kaiserbiographien, 1864, S. 285). Ob Sulzer hier tatsächlich nach Sueton oder nach Tacitus, der in seinen Annalen (Tac. ann. VI, 6) das Schreiben wortgleich wiedergibt, zitiert, geht aus der Passage nicht hervor.
Neülich schrieb mir Hr. Gleim
Nicht überliefert.
schlechtere Vorrede
Langes Widmung an Georg Friedrich Meier, die sich in der vermehrten, zweiten Auflage von Thirsis und Damons freundschaftlichen Liedern von 1749 findet.
Il y a un grain
Übers.: »Es ist ein Keim Wahnsinn darin«.
habe ich einen Bekannten
Philipp Erasmus Reich, den Sulzer 1747 auf der Ostermesse in Leipzig kennengelernt hatte und mit dem er bis zu seinem Tod in freundschaftlicher Verbindung stand. Vgl. Kittelmann Epistolare Szenen einer Freundschaft 2018.
berüchtigte Simonetti
Christian Ernst Simonetti, Theologe, Hofprediger in Göttingen und Vorgänger Hallers als Redakteur der Göttingischen Zeitungen von gelehrten Sachen. Simonetti hatte die Position bis zum April 1747 inne, bevor Haller unmittelbar im Mai auf ihn folgte. Simonetti ging 1749 von Göttingen nach Frankfurt an der Oder. Mit dem erwähnten Zeitschriftenprojekt Simonettis ist die Sammlung vermischter Beiträge zum Dienst der Wahrheit gemeint, die 1749 bis 1750 in Frankfurt an der Oder erschien.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann