Brief vom 27. Februar 1748, von Sulzer, J. G. an Bodmer, J. J.

Ort: Berlin
Datum: 27. Februar 1748

Mein Herr und werthester Freünd.

Was ich auf den Hauptpunkt ihres werthesten Schreibens geantwortet, das werden sie von Hrn. Can. Breitinger erfahren, also soll dieser Artikel unberührt bleiben. Ihr Schreiben an Hrn. Gleim soll ihm zu kommen, denn ich würde mir ein Gewißen daraus machen, ihn einer solchen Freüde zu berauben, die er davon haben wird. Unter guten Freünden därff man schon ein wenig haseliren, nur das Publicum braucht nichts davon zu wißen. Ich wollte wenigstens nicht, daß es alle Sprünge wüßte, die ich in kleinen Gesellschafften guter Freünde gethan habe. Die rechte Freüde erkennet keine Geseze von der Vernunfft, als nur sehr allgemeine. Es ist gut, daß Sie Hrn. Gleim ermahnet haben ofte an seine Berlinische Freünde zu schreiben, denn er hat der Vermahnung nöthig, und ich habe auch für mich ein N.B. dazu gemacht. Er hat neülich alle seine hiesige Freünde zu sich invitirt, und wenn alle die Einladung so gerne annehmen, als ich so werden wir in Corpore erscheinen, und ich freüe mich schon auf die Reisebeschreibung, die davon herauskommen würde. So viel ich aber merke giebt es hier zu Lande, so wie es keine gute Schotte und keine Berge giebt, auch keine solche Schottenbrüder, und vielleicht ist ihre Gesellschafft wol gar die einzige in ihrer Art. Es ist Schade, daß sie nicht einen Orden daraus machen. Vielleicht brächte uns die Nachahmung dazu, wenn sie uns ihre Ordensregeln und ein Tageregister davon schikten. Die Beförderung des Hrn. Dr. Rahns habe durch Hrn. Waser vernommen, laßen sie sich nun den Dienst von ihm vergelten. Wenn die ganze Confrerie der Schotten Trinker, das geistliche und weltliche Regiment bey ihnen hätten, so könnte man alle Satyren erspahren. Bey Anlas der Satyre fällt mir Hr. M. Kinderlieb ein. Man thut mir zu viel Ehre an, wenn man mich für den Verfaßer dieser Wiederlegung hält. Ich weiß erst seit vorgestern, daß sie existirt. Ich vermuthe, daß zwey lose Winterthurer, Waser u. Künzli sie gemacht. Ich zweifele aber, daß die, die sie am meisten zutreffen vermeint die Ruthe fühlen werden. Sie haben eine allzu dike Haut, man muß es ihnen nicht allzufein geben. Ein guter Prügel thut mehr, als eine weiche und schlanke Ruthe.

Der Hr. Oberek beliebe sich für der Lanze eines irrenden Rittes in Acht zu nehmen. Es hat sich in Jena einer sehen laßen, unter dem Name der Schriftsteller nach der Mode, der sein Meisterstük der critischen Ritterschafft an der deütschen Übersezung der Duncias abgelegt. Seine Lanze aber ist nur ein alter Halbverfaulter Ast von einem Eichenbaum, und mich dünkt ich sehe schon, wie ihm die zersprungene Stüke davon die Bakzähne ausgeschlagen haben. Gegen diesen därffen sie nur bloß einen Stallmeister schiken, denn mich dünkt er ist selber kein Ritter, sondern etwa ein unwürdiger Stallmeister eines Abentheürers, der seine Stärke von dem Esel borget, darauf er reitet.

Der bemeldte Bücher wegen werde ich mich erkundigen. Sie verstehen doch baare Bezahlung und nicht in Büchern, so verstehe ichs wenigstens.

Noch eines. Hr. Bachman hat zwahr noch keinen Informator, aber er hat einen im Handel, der sehr gerühmt wird. Ich wollte dem Hr. Heer rathen lieber ein freyer Eysgenoß zu bleiben, als ein glehrter Sclave zu werden. Er hat das Ding gewiß noch nicht erfahren, daß er so sehr danach trachtet.

Ich verharre

Ihr ergebenster Dr. Sulzer.

Berlin den 27 Febr. 48.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 5a. – A: ZB, Ms Bodmer 13a.

Anschrift

à Monsieur Le Professeur Bodmer p à Zurich.

Vermerke und Zusätze

Vermerk Bodmers auf der Umschlagseite: »Empfangen 21 Merz 1748 In disem briefe sollte der Empfang meines vom 7 Christm. 1747 accusiert seyn, mit welchem ihm den ganzen Cimon verändert übersandt hatte.« – Siegelreste.

Stellenkommentar

werden sie von Hrn. Can. Breitinger erfahren
Vgl. Sulzers am gleichen Tag verfasstes Schreiben an Johann Jakob Breitinger (ZB, Ms Bodmer 22.43), in dem es um den »jungen Hr. Bürgkli« geht, der »nach Berlin reisen« und den Sulzer auf Anfrage Bodmers bei sich aufnehmen sollte. Sulzer lehnte eine Aufnahme in seine Wohnung jedoch ab und bot Breitinger stattdessen an, »daß ich ihm ganz nahe bey mir ein paar mit allen nöthigen Mobilien versehene Zimmer miethen könnte«.
haseliren
Toben, herumalbern.
weiß erst seit vorgestern
Vermutlich spielt Sulzer hier auf ein unter dem Namen »Ihr unbekanter diener a.b.c.« verfasstes Schreiben Wasers an, dass dieser mit der Widerlegung mitschickte: »Mein Herr Profeßor! Ich will nicht um Vergebung bitten, daß ich Ihnen gegenwärtige Schrifft zusende; Sie kennen mich doch nicht; und wenn Sie vielleicht einen botten der seine gute Zeitung bringt mit unguten Augen anzusehn gewohnt sind, so mag das ganze übrige menschliche Geschlecht den Verdienst mit mir theilen, welchen ich daran hatte; zumal Sie dieser schlimmen bitschaft wegen einen jeden andern ebenso im Verdacht haben mögen als mich.« (ZB, Ms Bodmer 6.3, undatiert).
Hr. Oberek beliebe
J. D. Oberek, Pseudonym Bodmers, mit dem er die Vorrede von Alexander Popens Duncias unterzeichnete.
in Jena einer sehen laßen
Anspielung auf die in »Jena, den 1. Jan. 1748« datierte Vorrede zum ersten Band der von Christian Nicolaus Naumann herausgegebenen und in Jena erscheinenden Zeitschrift Der Schriftsteller nach der Mode. Naumann, der selbstverständlich wußte, wer sich hinter dem Pseudonym »J. D. Obereck« verbarg, griff darin Bodmer und die Schweizer an.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann