Brief vom 5. Januar 1747, von Sulzer, J. G. an Bodmer, J. J.

Datum: 5. Januar 1747

Mein werthester Herr und Freünd.

Dero geehrtestes vom 6 Christmonat, habe vorgestern mit der Nachricht erhalten, daß das Päkgen, welches Sie durch Hrn. Escher geschikt ist abgegeben worden. Ich kann ihnen nicht sagen, mein werthester Hr. und Freünd, wie sehr ich dero Gütigkeit gegen mich verehre, und wie leid es mir deßwegen ist, daß ich mir von ihnen einige wol verdiente vorwürffe muß machen laßen, die mich ganz beschämen. Ich bin auch einer von denen, die den neüen Sittenmaler von ihrer Gütigkeit bekomen und dazu stille geschwiegen, und auch ich bin mit Hr. Langen schuld daran, daß Sie kein Exemplar der Freündschafftl. Briefen bekommen, weil sich einer auf den andern verlaßen hat, daß er es schiken würde. Ich denke, das beste ist, daß ich mich den geraden weg selbst schuldig gebe, und Sie versichere, daß ich ins künfftige ihrentwegen weit aufmerksamer seyn, oder vielmehr meine Aufmerksamkeit nicht mehr werde einschlaffen laßen.

Der Hr. v. Hagedorn hat mir ein Paket für Sie geschikt, welches nun in Leipzig ist und dem Fuhrman Crepp wird übergeben werden. Jezo schicke ich noch einen Brief von dem Hrn. v. Hagedorn, mit den Freündschafftlichen Briefen an Sie, welche demselben Fuhrman werden übergeben und wol recommendirt werden. Noch lege bey, Hrn. M. Meyers Beurtheilung der Gottsched. Dichtkunst.

Ich arbeite daran, daß Hr. Lange mit dem Hrn. v. Hagedorn näher bekannt wird. Dieser leztere würde ihm gewiß nüzlich seyn. Der WeltBürger ist neü aufgelegt. Die Zeit ist zu kurz, als daß ich ihn noch überschiken konnte, es soll auf Ostern geschehen. Diese Schrifft aber hat, so viel mir bekannt nicht den seel. Pyra sondern Lamprecht zum Verfaßer. Ich werde auch noch ein paar Gedichte von dem Hrn. v. Kleist beylegen. Jezo arbeitet er an einem größern Gedicht, das Landleben.

Der Hr. Mag. Kästner ist mir nicht sonderlich bekannt. Ich höre, daß er sich unterstanden ein schweeres Problema Mathematicum, das Hr. Eüler aufgegeben zu solviren, ein Freünd, dem ich traue und der es gelesen hält nicht viel davon. Er muß aber doch kein Anfänger seyn. Als einen Metaphysicum kenne ich ihn gar nicht. Ich habe die Leipziger Belustigungen nicht gelesen.

Hr. Sukro ist nicht mehr hier, er ist Profeßor in Coburg. Gleim, der ihn auch kennt, hält nicht sonderlich viel von ihm. Ich habe ihn wol hier auf den Straßen gesehen, aber niemal mit ihm gesprochen.

Den Sittenmaler halte ich über mein Lob zu seyn. Ich habe ihn schon zweymal in seiner neüen Gestallt gelesen und auch einigen FrauenZimmern zu lesen gegeben, die ihn mit Lust gelesen haben. Ich halte die meisten Stüke wenigstens für so original, als den Spectator. Eine meiner hiesigen Freündinnen hat verschiedene Stüke davon ins Französische übersezt, unter anderm auch das 8 Blatt des 1 Theils, welches von der Erziehung handelt.

Ich habe neülich bey Lesung einiger Tragedien von Sofokles die Anmerkung gemacht, daß es auch gut für unsre heütige Poeten wäre, wenn man aus den alten so viel herrliche Stellen sammelte, die wegen ihrer großen Einfallt und der puren Natur so sehr gefallen. So sind z. E. einige Stellen, wo von der Liebe zu den Eltern, von der Liebe zu einer Nachkommenschafft und andern solchen natürlichen Empfindungen gesprochen wird. Unsre heütigen Moden, machen die Poeten ganz anders von solchen Sachen sprechen, die deßwegen auch nicht so angenehm sind. Ich will mich ein andermal deütlicher Erklären.

Ich verharre

Meines werthesten Hrn. u. Fr.
ergebenster Diener JGSulzer.

Magdeb. den 5 Jan. 1747.

Überlieferung

H: ZB, Sign.: Nachlass Ms Bodmer 5a. – A: ZB, Ms Bodmer 13a.

Anschrift

à Monsieur Bodmer tres celebre Professeur à Zurich.

Einschluss und mit gleicher Sendung

Brief F. v. Hagedorns. – Ein Exemplar von [J. W. L. Gleim, S. G. Lange, J. G. Sulzer], Freundschaftliche Briefe. – Ein Exemplar von G. F. Meier, Beurtheilung der Gottschedischen Dichtkunst. – Einzelne Gedichte von E. C. v. Kleist.

Vermerke und Zusätze

Siegelausriss. – Siegelreste. Vermerk einer dritten Schreiberhand auf der Umschlagseite: »frco. Nurnberg.«

Lesarten

von
Textverlust. Ergänzung durch Herausgeber.

Eigenhändige Korrekturen

geschikt
geschikt

Stellenkommentar

Fuhrman Crepp
Nicht ermittelt.
einen Brief von dem Hrn. v. Hagedorn
Brief von Hagedorn an Bodmer, Hamburg, 21. Dezember 1746 (Hagedorn Briefe 1997, 1, S. 185 f.).
Lamprecht zum Verfaßer
Tatsächlich hatte der 1744 verstorbene Jakob Friedrich Lamprecht, Journalist und Redakteur der Spenerschen Zeitung sowie Sekretär des Prinzen Heinrich von Preußen, die Zeitschrift Der Weltbürger gemeinsam mit Pyra und Gleim in den Jahren 1741 und 1742 herausgegeben.
größern Gedicht
Ewald Christian von Kleists Das Landleben, an dem er seit 1746 arbeitete, wurde schließlich 1749 unter dem Titel Der Frühling erstmals veröffentlicht und ein großer Erfolg.
schweeres Problema Mathematicum, das Hr. Eüler aufgegeben
Gemeint ist vermutlich Kästners Beschäftigung mit Eulers Schrift Opuscula varii argumenti, die Kästner unter dem Titel Euleri Opuscula in den Zuverlässigen Nachrichten von dem gegenwärtigen Zustande, Veränderung und Wachsthum der Wissenschaften, 1748, Th. 97, S. 3–42, ausführlich besprach. Kästner beschäftigte sich in dieser Zeit intensiv mit astronomischen Fragestellungen, insbesondere mit Kometen.
Belustigungen nicht gelesen
. Kästner publizierte regelmäßig in den von Johann Joachim Schwabe herausgegebenen Belustigungen. 1744 erschien hier sein Philosophisches Gedichte von den Cometen, 1747 Das Lob der Sternenkunst. Kästner rezensierte später auch Eulers Algebra und verfasste am Ende des Jahrhunderts eine Geschichte der Mathematik. Vgl. Baasner Abraham Gotthelf Kästner 1991, S. 569–584.
Spectator
Die von Eliza Fowler Haywood herausgegebene Zeitschrift The female spectator, 1744–1746.
Eine meiner hiesigen Freündinnen
Eventuell Sulzers spätere Ehefrau Wilhelmine Keusenhoff, die einige Zeit im Hause des Hofpredigers Sack verbrachte und dort in verschiedenen Sprachen unterrichtet worden war (vgl. Sulzer, Ehrengedächtniß, 1761, S. 4). Wilhelmine, eine Nichte Heinrich Bachmanns d. Ä., bei dem sie Sulzer kennenlernte, war sehr versiert im Französischen. Ihre Brautbriefe an Sulzer sind durchgängig auf Französisch verfasst. Im Deutschen blieb sie dagegen unsicher. Vgl. Kittelmann W. Keusenhoff und die Briefkultur der Empfindsamkeit 2019.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann und Baptiste Baumann
Kommentar: Jana Kittelmann